Lockerheit ist angesagt vor den deutschen Meisterschaften

Hildesheim. Sechs junge Damen und ein 15-Jähriger, den Strohhut auf dem Kopf, hocken locker zusammen im Sand, machen ihre Witze und Frozzeleien oder halten ihre Füße ins kühlende Wasser. Gesprächsthemen sind Versetzungen, Zeugniszensuren und Urlaubsziele in den Sommerferien. Von Anspannung oder Nervosität ist nichts zu spüren. Dabei steht die Gruppe kurz vor der größten Bewährungsprobe ihrer bisherigen Sportkarrieren. Es handelt sich um sieben Leichtathleten von Eintracht Hildesheim, die sich seit neun Monaten beinahe täglich gewissenhaft auf den Tag X vorbereitet haben – Teilnahme an den deutschen Jugendmeisterschaften. Noch nie in der Geschichte der Hildesheimer Leichtathletik haben sich derart viele junge Leichtathleten für Titelkämpfe auf der höchsten nationalen Ebene qualifizieren können.

 An drei Terminen müssen Lisa Vogelgesang, Florentine Unbehaun und Co. in dieser Saison noch einmal richtig Gas geben. Erst danach ist auch für sie Erholung angesagt. Am kommenden Wochenende kämpfen in Nürnberg die besten deutschen weiblichen und männlichen Jugendstaffeln (3x800m und 3x1000m) um die Titel. Die Läufe hat der Deutsche Leichtathletik-Verband traditionsgemäß in den Zeitplan der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Erwachsenen integriert. Eine Woche danach treffen sich die besten U 20- und U 18-Jugendlichen zu ihren Meisterschaften in Jena. Und am 8./9. August finden in Köln die Einzelmeisterschaften der Altersklasse U 16 (A-Schülerinnen und -Schüler) statt. Die Hildesheimer Laufgruppe wird mit ihrem Erfolgstrainer Heiko Wilcke bei allen drei Veranstaltungen am Start sein.

An diesem Wochenende werden also Teresa Brüning, Hanna-Marie Studzinski, Lisa Vogelgesang, Florentine Unbehaun und Sarah Heidner in Nürnberg die Laufschuhe schnüren. Wer eingesetzt und in welcher Aufstellung die 3x800-m-Staffel im Vorlauf und gegebenenfalls am Sonntag im Finale laufen wird, entscheidet der Trainer vor Ort. „21 Mannschaften sind gemeldet, davon kommen zehn in den Endlauf. Wir sind hoffentlich dabei“, meint der Coach, der sich wie seine Mädels betont cool gibt. „Aber die Spannung wird steigen, je näher der Termin rückt.“ Noch sind die Damen überaus locker. Liegt es vielleicht auch an den guten Zeugnissen? Da sind einige stolz auf ihre Einsen, „allerdings nicht im Fach Sport“, bekennen Lisa Vogelgesang und Sarah Heidner und grinsen. Schuld haben natürlich die Lehrer.

Bei den Einzelmeisterschaften in Jena (31.7. bis 2.8.) rechnet sich die mehrfache 800-m-Landesmeisterin Florentine Unbehaun größere Chancen im Rennen über 1500m aus. Nach dem Vorlauf am Freitag hofft sie auf die Finalteilnahme am Sonntag. „Ein Rang zwischen drei und acht sollte für mich möglich sein“, gibt sie sich selbstbewusst. Zum Favoritenkreis über 1500m Hindernis zählt ohne Frage Lisa Vogelgesang. „Sie ist in Top-Form“, zeigt sich Heiko Wilcke beeindruckt von ihren letzten Trainingszeiten. Ebenfalls über Wassergraben und Hindernisbalken startet Sarah Heidner. Beide Lauf-Asse werden sich danach einige Wochen in Sprach-Camps in Oxford und Dublin fortbilden. Trainer Wilcke, Lehrer am Gymnasium Josephinum, legt aber schon in Jena neben dem Sport auch Wert auf Kultur: „Unser Hotel liegt in Weimar. Das heißt, wir werden nah an Schiller und Goethe sein.“ Hanna-Marie Studzinskis Formkurve zeigte zuletzt nach oben. Sie geht in Jena über 400m an den Start. Auch ihr Bruder Leo, ein begnadeter Golfspieler, drückt ihr die Daumen. „Er interessiert sich schon dafür, ob ich Erfolge habe“, plaudert sie ein wenig aus der Familie.

Während sich Florentine Unbehaun nach den Meisterschaften auf einen Sommerurlaub am Gardasee freut, düst Lukas Bunzel sofort nach Schulende zwei Wochen mit dem Wohnmobil durch Deutschland. Denn für ihn und Carolin Peuke beginnt der Saisonhöhepunkt erst am 8. August. Beide haben sich für die Rennen über 3000m der U 16 in Köln qualifiziert und hoffen auf eine Platzierung auf dem Siegertreppchen, auf dem die besten Acht geehrt werden.  „Beide wissen, was bis dahin noch zu tun ist. Jeder hat seinen individuellen Trainingsplan“, sagt der Trainer. „Unser Wohnmobil wird immer neben einer Tartanbahn halten“, beruhigt Lukas Bunzel seinen Coach. Carolin Peuke zieht es vor den Meisterschaften noch drei Tage zu Verwandten nach München. Nach den Titelkämpfen geht es an den Bodensee.

Der Übungsleiter von Eintracht Hildesheim hat sehr viele Arbeitsstunden in die Vorbereitung seiner in diesem Jahr so überaus erfolgreichen Laufgruppe gesteckt. Zuletzt galt es, für Nürnberg, Jena und Köln akribisch die Zeiten der Konkurrenz zu studieren. Er weiß, dass oben auf Bundesebene die Luft dünn wird, zumal er schon selbst als Aktiver an mehreren deutschen Meisterschaften teilgenommen hat. „Die Form stimmt bei allen“, ist er sich sicher. Uneinigkeit herrscht in der auch freundschaftlich sehr verbundenen Athletengruppe nur in einem Punkt: Motiviert es die Läufer, wenn sie wissen, dass die Meisterschaftsrennen im Internet auf einem Livestream zu verfolgen sind? Lisa Vogelgesangs Position ist deutlich: „Mist. Ich mag das überhaupt nicht.“ Dagegen freut sich Florentine Unbehaun, wenn viele ihrer Bekannten und Verwandten den Lauf live verfolgen können. „Das motiviert mich total, egal, wie ich am Ende des Rennens aussehe.“ (wgk)